Sonntag, den 20.09.1987 - Der große Umzug
Trotz sehr langer Fahrt und kurzer Nacht erschien die Gruppe pünktlich zum Frühstück, denn an diesem Sonntagvormittag sollten wir einen der Höhepunkte unserer Reise erleben, und zwar den Umzug durch die Prachtstraßen von Logroño. Obwohl der Start für 11.00 Uhr feststand, sollten wir schon um 10.00 Uhr an dem für uns vorgesehenen Platz sein. Glücklicherweise waren wir für den Anfang des sehr langen Umzuges zugeteilt worden, vor uns war nur die motorisierte Polizei und die Zunft der tanzenden „Langen und Großköpfen“. Aus allen Richtungen kamen immer mehr Menschen, wunderschön geschmückte Wägen, Tanz- und Folkloregruppen zu Fuß oder zu Pferd und immer wieder Kinder mit den schönsten regionalen Trachten. Als Zeichen der Verbundenheit zu diesem Weinerntefest binden sich die Logroñesen ein auffallend schönes rotes Tuch um den Hals, damit wird auch die Bereitschaft mitzuwirken gezeigt. Die Stimmung in unserer Gruppe wuchs bis zur höchsten Stufe an bis der große Knall um punkt 11.00 Uhr den Beginn des Umzuges der ca. 65 Gruppen befahl.
Was danach geschah, ist sicherlich unbeschreiblich, mehr als hunderttausend Menschen standen sehr diszipliniert, aber mit lobenswerter Begeisterung links und rechts der Prachtstraßen, aber auch auf den Balkonen, Terrassen und an den Fenstern. Die Kapelle konnte endlich mit Vehemenz loslegen. Überall wurde sie mit enthusiastischem Applaus begrüßt. Die Art der Blasmusik, die Tracht, unsere Mädel, die unter den Zuschauern Schnaps verteilten, und der disziplinierte Auftritt der Musikkapelle hat nicht nur an diesem Tag das Volk von La Rioja begeistert. Der Marsch vorbei an der Haupttribüne mit der gesamten Prominenz des Landes war für uns sehr aufregend, zumal wir von dort sehr starken Beifall bekamen und eine Erinnerungstafel erhielten. Nach ca. 75 Minuten berauschenden Marsches gelangten wir zum Ende des Umzuges, wo unser Bus wartete. Die Instrumente wurden schnell verstaut, damit wir dann den gesamten Umzug als Zuschauer miterleben konnten. Wir erlebten einen Umzug, wie wir ihn uns nicht hätten vorstellen können, es war eine Mischung zwischen Oktoberfest und Carneval in Rio. Die Menschen haben sehr begeistert mitgemacht, aber an dieser Stelle müssen wir unsere Bewunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass auf der Strasse keine alkoholisierten Menschen zu sehen waren. Der Umzug wollte nicht enden, nach und nach kamen die Wägen und die Gruppen, die mitwirkenden Menschen waren fast erschöpft von den ununterbrochenen Tanzdarbietungen bei immer größer werdender Hitze (um 14.00 Uhr hatte es fast 30 Grad), wobei die Begeisterung immer größer wurde. Wir mussten dann zum Essen ins Quartier, denn am Abend hatten wir um ca. 20.00 Uhr ein Konzert im 50 km entfernten Arnedo. Nach kurzer Erholungspause fuhren wir zur Fa. Zahoransky, um Herrn Dr. Zahoransky und seiner Frau ein Ständchen zu spielen. Als Anerkennung für ihre große Hilfe während des Festes wurde ihnen ein Präsent überreicht.
Gegen 19.15 Uhr kamen wir in Arnedo/La Rioja an. Die Hauptstraße war für uns schon gesperrt worden, so dass wir in Begleitung von einem Stadtrat mit zünftiger Musik zum Konzertplatz marschieren konnten. Der Konzertplatz war sehr nett eingerichtet, mitten in einem kleinen Park mit Palmen und vor einem alten, sehenswerten Gebäude. Die Zuschauer warteten schon auf uns und um 20.15 Uhr begann die Blasmusik aus dem Schwarzwald mit ihrem Ständchen, wobei sie starken Applaus bekam. Die von uns mitgebrachten Prospekte aus dem „Todtnauer Ferienland“ waren im Nu vergriffen.
Gegen 21.00 Uhr zogen schwarze Wolken auf und urplötzlich kam ein Sandsturm, die Noten flogen durch die Luft und die Zuschauer mussten den nicht überdachten Platz verlassen. Wir mussten unsere Instrumente schnell im Bus einschließen – so fand unser Konzert ein früheres Ende, als geplant. Da die Spanier Meister im Improvisieren sind, wurden wir, nachdem sich der Sturm nach 10 Minuten gelegt hatte, vom Stellvertreter des Bürgermeisters zu Fuß durch die Altstadt von Arnedo geführt. Das Abendessen war im besten Restaurant sehr gut vorbereitet worden. Zwei Stadträte kamen dazu und wir konnten uns mit Hilfe unseres Dolmetschers José mit der Übergabe eines Präsentes bedanken. Sie teilten uns mit, dass die Musik sehr gut bei der Bevölkerung von Arnedo angekommen war. Der Abschied war sehr, sehr herzlich.
Bei der Rückfahrt nach Logroño dachten wir, die Müdigkeit sei Herr der Lage – aber dies stellte sich als Irrtum heraus. Unsere Betreuer und Dolmetscher hatten der Gruppe vorgeschlagen, das San-Mateo-Fest in Logroño bei Nacht zu erleben. Sofort erklärten sich alle einstimmig bereit, mitzumachen. Hierbei hatten wir die Unterstützung unseres Busfahrers Winfried, der unsere Instrumente ins Quartier brachte und dann auch mitmachen würde.
Kurz vor Mitternacht brachte er uns mit dem Bus ins Zentrum von Logroño und wir stiegen in Tracht und mit Teufelsgeige, Akkordeon und Klarinette aus. Wir erlebten einen weiteren Höhepunkt unserer Reise. Was die Gruppe in diesen dreieinhalb Stunden als Straßenmusikanten erlebte, wird für immer in schönster Erinnerung bleiben. Dieser Stadtteil war voller Cafès, Wein- und Bierlokale. Hierhin gehen die Logroñesen, um die ganze Nacht durchzufeiern, die Straßen sind hierfür gesperrt.
Als wir unsere ersten Heimatlieder mit Musikbegleitung spielten, hatten wir sofort die Aufmerksamkeit aller auf uns gelenkt. Die Einheimischen und unsere Gruppenmitglieder bildeten Kreise und tanzten immer wieder Arm in Arm. Wir sollten nicht aufhören zu spielen – die Verbundenheit, die Begeisterung, die ungezwungene Spontaneität war für uns berauschend. Die Wirte schenken unserer großen Gruppe Freibier und Wein aus. Wir zogen durch einige Lokale, aber wir trafen keine betrunkenen Menschen. Um diese Art zu Feiern muss man die Logroñesen sicher beneiden, das San-Mateo-Fest hat unsere Gruppe mit Sicherheit in allen Beziehungen bereichert. Es entstand eine Fangruppe unserer Trachtenkapelle, die uns bis zum letzten Auftritt begleitete. Auch Tage später noch schwenkten die Menschen zur Begrüßung ihre Taschentücher durch die Luft, wenn sie uns sahen. Leider mussten wir diesen Ausflug beim Höhepunkt um 3.30 Uhr nachts unterbrechen, denn am nächsten Morgen stand uns der nächste Auftritt bevor. Erstaunlich war die Disziplin unserer Gruppe beim Abbruch. Das Bett wartete auf uns für kurze Zeit. Wir gingen gern, denn wir hatten seit unserer Ankunft einige wunderschöne Stunden erlebt.